
Mein Vater war laut, sehr viel lauter als meine Mutter. Er war stur und eigensinnig, das haben meine Eltern gemeinsam. Ich habe das von ihnen. Und sie beide haben gemein, dass sie sehr oft an mich glaubten und mir das auch vermittelten. Allerdings in unterschiedlichen Momenten. Meine Mutter war die, die mir vor jedem Test und jeder Schularbeit gut zuredete, dass ich das schon gut hinbekomme. Ich erinnere mich an diese Entspannung, die sich dann in mir breit machte. Mein Vater lotste mich bei Eis und Nebel auf eine schwarze Piste, um mir zu beweisen, dass ich eine wirklich gute Schifahrerin bin. Hierbei erinnere ich mich, dass ich gestürzt bin - nämlich genau in dem Moment, in dem ich begriffen hatte, dass ich gegen meinen Willen auf dieser echt harten, steilen Piste gelandet war. Ich war innerlich sehr lange böse auf ihn. Obwohl ich mir nicht weh getan hatte und auch den Rest ohne weiteren Sturz abgefahren bin.
Erst jetzt, Jahrzehnte nach diesem Erlebnis, ist mir klar, dass das eine stärkende Erfahrung für mein Leben war - wenn ich bereit bin den Groll loszulassen und auf seine Absicht, seine Liebe zu mir zu sehen. Er hat an mich geglaubt, als ich nicht an mich geglaubt habe. Er hat mir zugetraut, was ich absolut nicht probieren wollte. So bin ich einige Jahre später bei der Schilehrer*innen-Anwärterprüfung in Sturm und Nebel auf einer unpreparierten schwarzen Muggelpiste gestanden und eben hinuntergefahren. So what - war ja nur eine weitere Piste.
Als Mama will ich meine Tochter oft vor harten Erfahrungen schützen. Vermutlich, weil ich weiß, dass diese das Leben ohnehin mit sich bringt. Doch genau da kommen die Väter ins Spiel. Ich glaube, die meisten Väter sind gewillt ihre Kinder an Grenzen zu bringen - und diese zu überschreiten. Raus aus der Komfortzone. Push it. Neuland entdecken. Inneres Neuland durch neues Selbstvertrauen. Nur durch neue Erfahrungen kann ein neues Selbstbild entstehen. Wachstum. Über mich hinauswachsen.
Diese Erfahrungen, die unsere Väter für uns schaffen, können wertvolle Grundsteine für unser Leben sein. Denn das Leben stellt uns vor unangenehme Herausforderungen, denen wir lieber nicht begegnen wollen. Manchmal vor Momente, die wir nicht ändern können, durch die wir durchmüssen. Wir müssen erlebt haben, dass Mut sich auszahlt. Dass Dranbleiben sich auszahlt. Im Idealfall in präsenter Begleitung einer Bezugsperson, der wir vertrauen. Deshalb übe ich mich als Mama immer wieder im Zurücktreten und Beobachten, um meiner Tochter die Erfahrungen mit ihrem Vater zu ermöglichen, die nur mit ihm möglich sind.
Studien zeigen sogar, dass Kinder mit fehlenden Vätern sehr oft in die Kriminalität abgleiten. Wohlgemerkt: mit fürsorglichen fehlenden Vätern. Ich als Mama muss mir immer wieder bewusst machen, dass der Vater meiner Tochter seine Fürsorge anders zeigt als ich. Daher übe ich mich darin, ihn als Ergänzung, Gegenpart zu sehen. In manchen Situationen melde ich mich vermittelnd zu Wort. Ich ermutige meine Tochter auch, sich ihrem Vater selbst zuzumuten. Ihre Wünsche und Bedürfnisse auszusprechen. Denn in einer späteren Liebesbeziehung soll sie sich auch unangenehmen Situationen mit einem geliebten Menschen stellen und ihre Bedürfnisse und Grenzen artikulieren.
Ich spüre, es geht für uns Eltern sehr stark darum herauszufinden, was unsere Kinder wann brauchen. Dazu braucht es Zeit mit unserem Kind. Gemeinsame Aktivitäten manchmal nur zu zweit, die beiden Freude machen. Beobachten. Sein lassen. Gespräche, ohne ihnen unsere Meinungen aufzudrücken. Neugierig in die Welt der Kinder abtauchen ohne zu bewerten und unseren Senf dazuzugeben. Unseren Kindern stets die Möglichkeit geben ihre Würde zu wahren.
Und wir müssen zu wissen, was wir selbst wann brauchen. Wann ist es Ruhe, Pause, eine Auszeit? Wann ist es Bewegung? Wann geistige Betätigung? Wann brauchen wir einfach nur Leichtigkeit und Blödelei, um das Leben wieder auf die leichte Schulter zu nehmen? Wir sind die Vorbilder, ob wie wollen oder nicht.
Manchmal kann ich auch nicht aus meiner Haut. Dann entschuldige ich mich bei meiner Tochter für meine unangemessene Reaktion. Ich nehme sie ernst, zeige ihr, dass mir unsere Beziehung wichtig ist, indem ich nicht zu stolz bin, sondern über meine Schatten springe. Mir gegenüber kann sie das mittlerweile auch.
Auch Väter können manchmal nicht aus ihrer Haut. Das ist mir als Tochter und Mama bewusst. Das entschuldigt nicht alles. Aber es mildert meine Sicht. Auf meinen Vater. Den Vater meiner Tochter. Alle Väter. Und natürlich auch auf uns Mütter. Auf uns alle, die wir fühlen und versuchen unser Leben gut zu leben.
Als ich von meinem Auslandssemester in Holland mit 21 Jahren mit meinen Studienkolleginnen heimfuhr, lief im Autoradio The Wind Beneath My Wings von Bette Middler: Did you
ever know that you're my hero? / And everything I would like to be / I can fly higher than an eagle / For you are the wind beneath my
wings...
Damals empfand ich so tiefe Dankbarkeit für meinen Vater, dass er mich so oft ermutigt hatte, über meine Grenzen zu gehen, dass ich Tränen in den Augen hatte. Ohne sein Vorbild wäre ich wohl kaum
so unbeschwert in neue Abenteuer aufgebrochen. Und tue es auch heute noch.
Einige Monate vor seinem Tod sagte er zu mir, dass er so überrascht und stolz auf mich ist, dass ich - egal, was in meinem Leben bisher passiert ist - immer wieder aufstehe und so positiv weitermache. Damals war meine Antwort: Weil mir nichts anderes übrig bleibt. Doch nun ist mir klar: Weil ich einen Vater hatte, der mich gefordert und an mich geglaubt hat.
Mögen wir uns alle an die Bedeutung unserer Väter erinnern. An das Gute, das sie in unser Leben gebracht haben und bringen. Und mögen alle Väter dieser Erde ihre Liebe in Fürsorge für ihre Kinder zeigen können.
Von Herzen,
Sigrid
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